Hogwarts Express

Cape Wrath Trail, Tag 2
Glenfinnan -> A’Chuil

Als ich mein Innenzelt öffne schlägt mir schon eisige Luft entgegen. Ich ahne es und bekomme kurz darauf von Tim die Bestätigung. Er ist bereits aus dem Zelt geklettert und beschwert sich nun lautstark über ein gefrorenes Zelt. Tatsächlich kann ich von innen bereits das Eis auf meinem Zeltdach sehen. Als ich auch draussen bin und mir meine Schuhe angezogen habe, die ein einziger Eisklotz sind, reicht ein kurzer Blickkontakt aus und wir wissen dass wir hier bei dieser Kälte nicht Frühstücken. Also packen wir unsere Sachen zusammen und ich wünsche mir beim Ausschütteln des Zeltes einen Eiskratzer herbei.

Unsere Füße sind so kalt, dass ich schon loslaufe als Tim noch drei Minuten länger zum Packen braucht. Das Stechen in den Fußsohlen und an den Zehen ist fast unerträglich. Wir bemerken, dass es in etwa vier Stufen von „Kalte Füße“ gibt. In Stufe 1 sind die Füße einfach kalt. Zu Stufe zwei fangen sie an stechend zu schmerzen. Als würde man in Akupunktur-Therapie sein. Bei Stufe 3 merkt man dann wieder fast nichts von den Schmerzen. Die Füße sind einfach nur kalt. Und zu guter Letzt tun die Füße nur noch höllisch weh. Man verspürt keine Kälte, sondern einen brennenden/beißenden Schmerz. Was danach kommt, haben wir noch nicht ausprobiert. Tim meinte scherzhaft, hiernach sei ein Kneippbecken die reinste Erholungskur. Ich pendele beim Loslaufen irgendwo zwischen Stufe drei und vier.

Mit einem Schokriegel in der Hand schlendere ich einen Forstweg entlang und in meine Füße kehrt so langsam wieder Leben.
Hier werden offenbar gerade Bäume abgeholzt, jedenfalls startet ein Waldarbeiter seine riesige Baumfällmaschine. Die mit Ketten überzogenen Reifen überragen mich locker und der Arbeiter sieht in dem Führerhaus eher wie eine Playmobil Figur aus. Tim holt mich kurz darauf ein und wir laufen gemeinsam weiter.

Der Forstweg schlängelt sich mit Blick auf den Fluss durch einen lichten Wald. Der Boden ist mit Raureif überzogen und der Himmel blau. Leider laufen wir am Südhang des Tals, somit erhaschen wir noch keine Sonne. Der gefrorene Boden macht die sonst sichere Matschparty zu einem entspannten und trockenen Spaziergang. Dabei blicken wir auf die durch Schnee oder Hagel weiß gefärbten Bergkuppen um uns herum.

Wir biegen um die nächste Ecke und blicken auf Glenfinnan, das am oberen Ende des knapp 30km langen Loch Shiel liegt. Szenisch gut gesetzt wurde das Glenfinnan Monument. Eine hohe Säule mit einer wohl wichtigen Person darauf steht genau an der Spitze des Sees. Diese Person stellt sich als ein Highlander im Kilt heraus. Er soll an die 1745 hier begonnene zweite Jakobinerrevolte erinnern, bei der Prinz Charles Edward Stuart den schottischen und englischen Thron für sich beanspruchte. Die Rovolte wurde nach 8 Monaten niedergeschlagen.

Bevor wir dort ankommen, müssen wir jedoch zuerst noch den Fluss queren, dem wir bereits seit unserem Camping Spot folgen. Dieser speist Loch Shiel und ist mittlerweile so breit, dass wir glücklich sind, eine Brücke zu sehen. Eine gesperrte Brücke. Einmal mehr lassen wir uns von einer kleinen Absperrung nicht aufhalten und queren die eigentlich noch ziemlich gut aussehende Brücke. Ausschließlich ein Stück Geländer fehlt.

Auf der Suche nach Wasser zum Frühstücken finden wir schließlich einen Wasserspender, müssen jedoch resigniert feststellen, dass dieser (vermutlich wegen der Kälte) deaktiviert ist. Also schöpfen wir Wasser aus dem kalten Fluss und filtern dies am Fuße einer Eisenbahnbrücke.

Eine Eisenbahnbrücke, die sicher viele von euch kennen. Es ist das Glenfinnan Viaduct und wurde durch den Hogwarts Express aus Harry Potter bekannt. Wie wir jetzt lesen, kommt die Brücke auch bei der Verfilmung von „Das Doppelte Lottchen“ vor, sowie einer Hand voll anderer Filme. Im Sommer fährt hier noch regelmäßig der „Hogwarts Touristen-Express“.
Auch wenn heute keine Dampflokomotive die Brücke queren wird, hat sie doch ein wenig Magie für uns über.
Auf einmal fängt es an, dicke Flocken zu schneien und das gesamte Tal taucht in einen magischen Winterschlaf.

Wir beschließen, das Frühstück weiter zu verschieben und laufen fünf Kilometer das Tal aufwärts zum Bothy Curryhully. Auf dem Weg kommt uns ein älterer Radfahrer entgegen. Im Tal hatte ein herrenloser Wanderrucksack an einem Auto gelehnt. Es ist wohl seiner und hatte ihn vergessen. Er macht eine Tageswanderung und damit er die Fahrstraße zum Zustieg nicht laufen muss, hat er sein Rad dabei. – ziemlich smart der Boy 😉

Am Bothy Staunen wir nicht schlecht. Es gibt sogar Strom und einen Wasserkocher. Ich habe noch nie einen Wasserkocher gesehen, der so unverkalkt war. Das Wasser hier ist so klar, dass keine einzige Kalkflocke zu finden ist.
Mit dem Erhitzten Wasser essen wir Haferflocken zum Frühstück und ich mache mir noch einen Kakao.

Bei leichtem Schnee steigen wir weiter das Tal empor und im nächsten Tal gibt es Mittagessen. Der Ausblick in das Tal ist atemberaubend. Ein breites grünes Tal, umschlossen von relativ hohen Bergen und man kann bis in die Ferne schauen, wo die nächste Bergwand in Wolken gehüllt liegt. Durch die Mitte schlängelt sich ein immer breiter werdender Strom und am Hang kann man Hirsche erahnen. Die Sonne ist mittlerweile wieder rausgekommen.

Bei unserem weiteren Abstieg zählen wir 26 Hirsche im Tal Grasen. Unser Wanderführer schickt uns kurz darauf quer in ein dichtes Waldstück hinein, da dort ein Fortstweg sei. Ich finde es lustig, wie wir einfach blind auf so ein Stück Papier vertrauen als wir uns durchs Unterholz schlagen. Wir finden den Weg tatsächlich. Kaum sind wir auf dem Forstweg, treffen wir auf einen anderen Wanderer. Dieser steigt zu Freunden ab, um mit ihnen Feuerholz für das Wochenende in ein nahes Bothy zu tragen. Wir sind jedoch auf dem Weg in ein anderes Bothy. Dieses liegt im Nachbartal und als wir dort ankommen, sind wir alleine.

A’Chuil liegt am Rande eines Waldgebietes und überblickt das sonst wiesige Tal, auf dem zwei Gruppen Hirsche weiden. Ich bin immer noch perplex, wie viele Hirsche hier unterwegs sind. Die Hütte besteht aus zwei Räumen mit jeweils einer kleinen Feuerstelle und erhöhten Schlafbänken. Sie ist ansonsten relativ sauber und wir sind froh beim einsetzenden Leichtregen im Trockenen zu sitzen.

Als es bereits dämmrig ist hören wir Stimmen näher kommen. Zwei Wandernde mit ihren beiden Hunden kommen zu uns ins Bothy und bleiben auch für die Nacht. Wir lümmeln schon in den Schlafsäcken und raffen uns nun nochmal auf, mit unserem Besuch zu schnacken. Das Feuerholz machen klappt nur so semi gut. Immerhin haben sie ein kleines Beil mitgebracht, welches in der Hütte fehlte. Die gesägten Holzscheiben lassen sich jedoch nicht so wirklich in Scheite schlagen. Irgendwann geben wir es auf. Das Feuer wird entzündet und den ganzen Abend versucht in Schach zu halten.
Wie das bei Wochenend-Wanderern so ist, haben sie auch noch ein Bier für uns arme Jungs dabei.
Im Laufe des netten Abends, es ist mittlerweile schon länger dunkel, treffen noch zwei Studentinnen und ein Student ein. Alle sind sehr aufgeschlossen und wir haben einen lustigen Abend zusammen.

Ermüdet fallen wir viel zu spät gegen Mitternacht ins Bett. Ich schlafe sofort ein.

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2 Kommentare

  1. Ihr Tapferen! Das sind ja tolle Fotos – besonders schön zum Ansehen mit warmen Füßen :). Sind die Bothies ein kostenloses Unterkunftssystem für Wanderer? Wie weit liegen sie denn auseinander? Danke für eure spannenden Berichte!

    1. Die Bothies werden durch eine spendenfinanzierte NGO unterhalten. Ehrenamtliche halten sie in Schuss und jeder kann dort kostenlos übernachten.
      Man soll aber nicht länger als drei Nächte in einer Hütte und nicht mit größeren Gruppen als zu ca fünft dort üernachten, um anderen nicht den Platz zu nehmen. (Die konkreten Zahlen sind von Bothy zu Bothy unterschiedlich)
      Die Hütten selbst sind sehr verteilt über Schottland. Ihre größte Dichte haben sie aber in den Highlands, da dort eine dünnere Besiedlung ist. Eine Karte, wo Bothies sind findest du hier: https://www.mountainbothies.org.uk/bothies/location-map/

      Es freut mich zu lesen, dass dir die Berichte gefallen!

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