Falsches Haggis

(Not the) West Highland Way, Tag 5
Bridge of Orkey

Der Tag geht gut los, denn ich entdecke zwei türkise Spanngurte, die in einem Baum hängen. Kurzerhand holt Paul sie runter und wir verbessern unser Zelt-Trage-System. Jetzt können uns die unter dem Rucksack hängenden Zelte nicht mehr gegen den Po dotzen.
Unsere Quilts hängen wir über eine Wäscheleine, die jemand zwischen zwei Bäumen gespannt hat. Dort können sie ein bisschen Feuchtigkeit verlieren. Wir haben gemerkt, dass unsere Daunenquilts langsam an Wärmeleistung nachlassen. Das liegt bestimmt an der feuchten Luft und an der Kondensation im Zelt, neben einem See zu nächtigen hilft bestimmt auch nicht.


Die Isomatte macht mir zu schaffen und wird mich auch in den kommenden Tagen beschäftigen. Die ersten 2 Kammern haben sich verbunden und eine große Blase gebildet, da hat sich wohl die Laminierung gelöst. An unserem Zeltplatz ist ein Funkloch, aber später kommen wir nach Crianlarich, ich nehme mir vor, mich dann darum zu kümmern.
Der Weg geht einen kleinen Hügel hoch und wir genießen die Stille, die sich ausnahmsweise breit macht. Heute laufen wir nämlich zusammen mit der A82 und der Eisenbahnstrecke im gleichen Tal. Deshalb kann man meistens Verkehrslärm wahrnehmen. Am Anfang jedoch haben wir eine halbe Stunde Ruhe.


Wir kommen durch eine Farm/einen Zeltplatz wo wir unser Trinkwasser auffüllen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viele Menschen offensichtlich zur Hauptsaison in einem Monat oder im Herbst auf dem West Highlands Way (WHW) unterwegs sein müssen. Im Moment liegt der Campingplatz jedoch leer vor uns.
Ansonsten zeichnet sich das Tal durch ein paar Ruinen aus, die überall verstreut stehen. In manchen wachsen richtig dicke Bäume, sie scheinen also schon ganz schön alt zu sein. Auch toll ist der schöne Bach. An mancher Stelle möchte man am Liebsten rein hüpfen. Andere Stellen sind fast schluchtartig und versetzen uns in Staunen.
Eine Anekdote gibt es noch zu erzählen: Wir kommen gerade über eine Kuppe als wir zwei Frauen sehen. Die eine rennt in unsere Richtung, dreht dann aber nochmal um um ihren Rucksack aufzusetzen und wieder los zu rennen. Als wir bei ihr angekommen sind stellt sich heraus, dass sie nur ihre Handschuhe liegen lassen hat. Wir dachten schon, es wäre irgendetwas schlimmes passiert.

Einige Zeit später kommen wir an eine Stelle, an der eine neue Brücke gebaut wird. Die Baustelle ist natürlich gesperrt und eine Umleitung ist eingerichtet. Wir haben allerdings keine Lust auf unnötige Höhenmeter und klettern deshalb einfach über die Absperrung (nicht nachmachen liebe Kinder!). Als die beiden Damen das sehen folgen sie uns beeindruckt von unserer Weisheit^^
Das Tal hat ein paar sehr schöne Ausblicke in Petto. An einer Stelle wird aufgeforstet, neben jeden Baumstumpf setzen drei Jünglinge einen kleinen Setzling.

Als wir in Crianlarich ankommen ist es richtig schön warm und wir legen eine neue Schicht Sonnencreme auf. Wir trocknen unsere Quilts in der Sonne und ich setze mich mit dem Kundensupport meiner Isomatte auseinander (werde das Thema später auslassen, hab mehrmals mit denen hin und her geschrieben. Sie schicken eine neue nach Fort William, mal sehen ob die rechtzeitig ankommt.) und buche eine Unterkunft für Fort William.
Wir überlegen wie es jetzt weiter gehen soll. Eigentlich haben wir keine Lust diesen Abschnitt des WHW weiter zu laufen, wenn die ganze Zeit eine viel befahrene Landstraße und eine Bahntrasse in Hörweite sind. Deshalb beschließen wir kurzerhand mit der Bahn nach Bridge of Orchy zu fahren. Damit überspringen wir ungefähr 1,5 Tagesetappen. Als Alternativprogramm wollen wir ein paar Abstecher aus unserem Not The West Highland Way Buch machen. Als wir sehen, dass wir statt mit der Bahn mit einem Bus fahren müssen sind wir etwas enttäuscht, weil wir „eine der schönsten Bahnstrecken Europas“ verpassen (die Worte unseres allerallerbesten Onkel 2. Grades).

Bis der Bus fährt haben wir noch 25 Minuten. Ich mache mich auf Pizza-Jagd, die kann man allerdings erst ab 5 erlegen. Deshalb helfe ich Paul bei den letzten schwierigen Einkaufsentscheidungen und mit einer sehr schweren Tüte machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Dort fängt uns der Busfahrer, ein älterer Herr, ab und bringt uns zum Bus. Da die Bahn 25 Minuten zu spät ist müssen wir noch eine Weile warten. Alle haben gute Laune, als Paul fragt wieviel wir zahlen müssen meint der Busfahrer wir fahren umsonst, die anderen Fahrgäste lachen viel und reißen Witze. Bald geht es los und wir zucken mehrfach zusammen, alles ist voller Geisterfahrer.

Die Busfahrt dauert ca. 20 min und wir sind wieder mal baff von der Landschaft. Ganz besonders beeindruckt uns der Ben Durain den wir morgen erklimmen möchten. Als wir in Bridge of Orchy ankommen finde ich den Ausgang aus dem Bus erst beim zweiten Anlauf, alles ist falsch herum.
Als wir um das große weiße Hotel herum zum Fluss gehen entdecken wir eine schöne Picknickwiese am Rande des Flusses. Beim Überqueren der historischen Brücke fällt mir das platte Gras ins Auge, wir sind nicht die Ersten, die hier ihr Zelt aufschlagen. Es gibt Picknicktische und einen schönen Blick auf den Hausberg. Wir bauen in Ruhe unsere Zelte auf und ich wasche ein paar dreckige Unterhosen im SEHR kalten Fluss. Dann machen wir uns eine ordentliche Portion Essen. Es gibt Reis mit Tomatensauce und Fleischbällchen, die nach nichts schmecken. Aber es ist ein großer Topf und wir beide sehr hungrig, weil wir nichts zum Mittagessen hatten.

Später gönnen wir uns mal was und gehen ins Restaurant des Hotels. Es gibt Burger, Bier und wir probieren Haggis. Das Essen ist sehr lecker und Haggis schmeckt gut, auch wenn wir Rinderhaggis essen (ich glaube das Original wird aus Schafen gemacht). Die zwei kleinen Biere steigen mir ganz schön zu Kopf, ich bin nichts mehr gewohnt. Richtig nett ist, dass wir unsere Powerbanks an die Steckdose hängen dürfen. Wir kommen uns ein bisschen falsch am Platz vor mit unseren stinkigen Wanderklamotten. Am Tisch neben uns sitzt ein älteres Ehepaar, die sehr fein rausgeputzt ist und bestimmt etwas feiert, jedenfalls gibt es Cocktails und 3 Gänge Menü.

Als wir zurück zum Zelt kommen ist es schon lange dunkel. Es ist sehr kalt und feucht neben dem Fluss. Man kann seinen Atem sehen, sogar wenn man durch die Nase atmet. Der Himmel ist klar und die Sterne kommen mir sehr klein, präzise und hell vor, vielleicht ist daran aber auch das Bier schuld. Paul verschwindet ins Zelt und ich gehe noch mal zurück ins Restaurant um die Powerbanks zu holen, die wir dort „vergessen“ haben um ihnen eine halbe Stunde mehr Strom zu gönnen. Dann ktieche auch ich in den Schlafsack. Seitdem ich eine Blase in der Isomatte habe ist das immer ein kleines akrobatisches Kunststück, weil ich die Isomatte nicht punktuell belasten will. Nachdem ich meine Zehen warm gerubbelt habe ziehe ich mir eine doppelte Lage Fleece über den Mund, damit ich auf jeden Fall durch die Nase atme und mein Zelt nicht von innen bedampfe und kuschel mich in meinen Quilt.

Zufällige Artikel

  • Statusupdate

    Liebe Mitleser,weil wir schon öfter gefragt wurden, wie es eigentlich weiter gegangen ist, möchte ich gerne ein bisschen Licht ins Dunkel bringen, wir sind nämlich seit Oktober wieder in Deutschland und uns geht es sehr gut. Der letzte Stand war unser erstes Video der Fahrradtour. Wir hatten vor, noch mehr Videos hochzuladen. Die Videos waren…

  • Tag 5: Sonne

    Meile 56.2 – 72.5 Dieser Tag war eigentlich relativ ereignislos.Wir sind durch die zunehmende Hitze gewandert.An einem Wanderparkplatz haben wir Wasser getankt. Leider haben wir die Hitze etwas unterschätzt, ich glaube wir müssen uns noch daran gewöhnen wieviel Wasser man bei Temperaturen um die 30°C und Mittagssonne so braucht. Am Abend haben wir uns dann…

  • Cape Wrath Trail

    Cape Wrath Trail, Tag 1Fort William -> Callop River Als um 7 Uhr der Wecker klingelt liege ich schon wach im Bett. Ich freue mich, dass es endlich los geht. Wir ziehen uns an, putzen Zähne, setzen die gepackten Rucksäcke auf und los gehts. Auf dem Weg zum Fähranleger pfeifen wir uns das Baguette rein,…

  • Andalsnes – Kristiansund: Fjorde und Meer

    Am nächsten Morgen in Geiranger sind wir mit Blick auf ein riesiges Kreuzfahrtschiff im Hafen aufgewacht. Es ist echt sehr beeindruckend, wie überdimensioniert diese Schiffe im Vergleich zu den kleinen Örtchen sind und selbst in den riesigen Fjorden sehen sie groß aus. Den Morgen haben wir etwas mit planen verbracht, da wir beschlossen haben unsere…

  • Tag 75: South Lake Tahoe

    Meile 1090.0 Heute haben wir uns South Lake Tahoe angeschaut. Wir haben sehr viele Menschen gesehen, ein bisschen zu viele für unseren Geschmack. Wir waren beim Outdoorausstatter und ich habe mir schön kurze Frauenhosen gekauft, damit läuft es sich einfach besser. Meine Sporthose, die ich glaube ich seit der achten Klasse hatte hat sich in…

  • TAG 29: Guthooks

    Meile 413.0 – 436.1 Der heutige Tag war nicht sonderlich ereignisreich. Wir starteten um sechs aus unserem Camp. Nach vier Meilen bergab kamen wir zu einer Feuerwache mit einem Wandererparkplatz. Der Wasserhahn an diesem Parkplatz sollte laut Guthooks eingeschaltet sein, was er aber leider nicht war.Guthooks ist eine App für’s Smartphone, die den gesamten PCT…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.