Regenbogen

Cape Wrath Trail, Tag 7
Strathcarron -> Kinlochewe

Ich stehe in strömendem Regen. Dicke Tropfen prasseln auf meine Regenjacke. Meine Ärmel sind feucht vom Schweiß, trotzdem bekomme ich das dicke Grinsen nicht mehr von meinem Gesicht weil ich mich in diesem Moment so frei und sich mein Leben so stimmig anfühlt wie schon lange nicht mehr.

Aber fangen wir vorne an.

Ich hatte die Nacht im Bothy Coire Finnoraich gut geschlafen. Zum Frühstück gibt es unsere gestern Abend geschmierten Tortillas. Unsere Kleidung hängt noch feucht und kalt von gestern im Erdgeschoss des Bothys und wir müssen uns regelrecht überwinden die nassen Regenjacken, Hosen, Socken und Schuhe anzuziehen. Alles klebt feucht an der Haut und entzieht einem die Wärme. Immerhin regnet es draussen gerade nicht und die Schuhe sind nicht eingefroren.

Als wir gegen kurz nach acht aufbrechen, tröpfelt es nur leicht. Die Wolken hängen tief über dem breiten Tal, das wir weiter hinein laufen und verschleiern die uns umgebenden Berge hinter undurchdringlichem Grau. Durch die länge des Tals kann man heran nahende Schauer schon früh sehen und sieht vor allem auch, dass sie bald wieder vorbei sind. Das hebt die Stimmung weiter.
Heute habe ich endlich auch meine Regenjacke verstanden. Mit einem langarmligen Funktionshemd drunter funktioniert die Jacke jetzt super. Davor trug ich entweder noch eine Daunenjacke oder mein geliebtes Wanderhemd drunter, welches mir bereits in den USA gute Dienste geleistet hatte. Beides war schnell feucht bei Regen geworden und dadurch war mir dann auch schneller mal kühl wenn es regnete. So auch gestern.

Jetzt verstehe ich: Die Membran der Jacke braucht offenbar Raum zum Atmen und warme Luft im Innern, damit nichts auf der Innenseite kondensiert, sondern die Feuchtigkeit gut entweichen kann. Die Daunenjacke und sogar das Wanderhemd hatten die Wärme zu nahe am Körper gehalten. Kondensierende Körperfeuchte sorgte dann dafür, dass es in der Jacke feucht und mir kühl wurde. Mit Eng anliegender Kleidung habe ich nun kein Problem mehr mit Kondensation.

Als ich nach den ersten Höhenmetern und Regenschauern immer noch trocken bin, freue ich mich, dass die Regenjacke eine Regenjacke ist und ich immer noch trocken bin.

Wir kommen bald auf den ersten Bergsattel und können ins nächste Tal blicken. Dort erhaschen wir Sicht auf vereinzelte Flecken von blauem Himmel und es ist absehbar, dass die Wolken sich beruhigen. Nachdem mein Hörbuch mit Happy End abschließt, laufe ich ein wenig ohne Musik im Ohr. Ich genieße die Natur und denke darüber nach, was in den letzten Monaten so alles in meinem Leben passiert ist.

Der trübe Winter war hart und hat dafür gesorgt, dass sich in meinem Leben so einiges gewandelt hat. Zusammen mit Unistress hatte ich es gerade so geschafft den Kopf über Wasser zu halten und in den richtigen Momenten die richtigen Personen um mich, die mir wieder Kraft gaben.

Ein Hagelschauer braust auf uns zu und kündigt sich mit starkem Wind an.

Bisher habe ich noch nicht die Zeit, Ruhe und Energie gehabt, um zu reflektieren und zu verstehen, was für mich die Änderungen in Gänze bedeuten, die die Wintermonate hervorgebracht hatten.

Der Hagelschauer ist bald vorüber und gibt den Blick auf noch mehr blauen Himmel, ein weites und breites Tal und einen großen See in der Ferne frei. Der Anblick ist berauschend schön.

Ich fühle mich geborgen und freue mich darüber, eine so stützende Familie um mich herum zu wissen. Schultern, an die man sich lehnen kann, Ohren, die einem zu hören und Arme, die mir Geborgenheit geben.

Ein leichter Regenschauer zieht vorüber und erschafft einen bezaubernd schönen und intensiven Regenbogen, der sich über einem kleinen Bergsee erstreckt. Er berührt neben Tim etwas das Tal abwärts den Boden.

Der Regenbogen. Ein Symbol, das mir in letzter Zeit immer öfter über den Weg gelaufen ist seit ich mich im Winter das erste Mal als schwul geoutet habe. Mir wird bewusst, dass ich mich nun viel freier fühle. Mir ist in den letzten Monaten eine riesen Last von den Schultern gefallen. Und ich war mir vorher nicht einmal im Ansatz im Klaren, wie groß diese war.

Der Regenbogen bleibt bestimmt zehn Minuten stehen. Hinter uns zieht eine Wolke mit Schnee vorüber. Die Situation ist irgendwie skurril.

Ein Freund schreibt mir und ich bin dankbar für die guten Freundinnen und Freunde, die ich teilweise schon immer an meiner Seite habe, während der Schulzeit gefunden habe oder die mich seit der Uni begleiten. Ich freue mich darauf, sie nach dem Urlaub wieder zu sehen und Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.

In der gegenüberliegenden Bergkette hängen die ganze Zeit schon Wolken. Dort werden wir später hinauf laufen, denke ich. Immerhin regnen die Wolken dort nicht. Davor schlängelt sich eine einspurige Straße in dem vor Grün strotzende Tal entlang über einen flachen und breiten Pass. (Anmerkung von Tim: Paul hat eine rot-grün Sehschwäche, deshalb ist das braune Tal grün 😉 ) Ab und an fährt ein Miniaturauto auf der kurvigen Straße.

In Gedanken an Freunde mache ich eine Playlist mit Never ending Ohrwürmern an. ; )
Die Musik lässt Erinnerungen aufleben. Gute Erinnerungen. Erinnerungen aus dem Uni-Leben vor Corona.

Der Boden wird kurz matschig, als wir über eine flachere Wiese laufen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus Versehen in ein Schlammloch treten und bis kurz unters Knie einsinken – nicht, dass das schon einmal vorgekommen sei. **hust, hust**

Bei Gedanken an die Semester vor Corona kommt Vorfreude darüber auf, was das nächste Semester zu bieten hat. Die Uni hat angekündigt, endlich wieder in Präsenz zu lehren. Nach vier Semestern reiner Onlinelehre wird dies auch dringend nötig. Ich freue mich schon auf den Campus, auf gemeinsames Mittagessen und Lernen, die harten Stühle im Vorlesungssaal, auf das Fast-einschlafen während der Vorlesungen.
Einfach aufs Studieren.

Im Tal an der Straße angekommen machen wir eine kurze Pause und essen Mittag. Wir machen es uns hinter einem Erdhügel im Windschatten bequem und bestaunen das Tal, das wir herunter gekommen sind.

Als wir wieder los gehen, um einem nahenden Regenschauer zu entkommen oder zumindest warm gelaufen zu sein bevor er uns erreicht, könnte ich den Weg entlang springen wie ein Flummi. Voller Fröhlichkeit muss ich bei strömendem Regen an ein Zitat von Tammy Baldwin, der ersten offen homosexuellen Senatorin des amerikanischen Senates denken.

There will not be a magic day when we wake up and it’s now okay to express ourselves publicly. We make that day by doing things publicly until it’s simply the way things are.

Tammy baldwin, 2013

Und ich bin froh, mich diesen Winter geoutet zu haben. Ich bin zufrieden damit, wieder zurück nach Hause zu kommen und zu wissen, es warten tolle Menschen auf mich, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Menschen, die mich lieben wie ich bin. Es gibt mir Kraft zu wissen, ich kann so sein wie ich bin und muss mich nicht mehr verstellen. Es war richtig und gut diesen Schritt gegenagen zu sein.

Ich stehe am Berghang, schaue in ein breites, flaches Tal hinab, zu dessen Seiten sich hohe Bergflanken senkrecht empor heben. Zwischen den Wänden hängen dicke Wolken und lassen eine unendlich erscheinende Menge an fetten Regentropfen auf uns hinab sausen. Man kann den Wind durch die Regenschlieren steuben sehen. Fast mutet es so an, als hingen im Wind flatternde Fäden von den Wolken.

Ich stehe in strömendem Regen. Dicke Tropfen prasseln auf meine Regenjacke. Meine Ärmel sind feucht vom Schweiß, trotzdem bekomme ich das dicke Grinsen nicht mehr von meinem Gesicht weil ich mich in diesem Moment so frei fühle und mit sich mein Leben so stimmig anfühlt wie schon lange nicht mehr.

Und ich weiß in diesem Moment: Der von Tammy Baldwin umzeichnete Tag ist noch nicht gekommen. Für mich war es trotz eines offenen und tolleranten Umfeldes ein immens großer und harter Schritt, den ich in meinem Outing gegangen bin. Ein Schritt, der für mich auch so groß war, da in unserer Gesellschaft noch immer nicht zu übersehende Ungleichheiten herrschen. Der Weg zu einer diversifizierten Welt, in der vieles „simply the way things are“ ist, ist noch ein weiter Weg. Aber er wird kürzer. Wir bewegen uns in die richtige Richtung.

Der Regen begleitet uns nun die nächsten Stunden, während wir uns durch unwegsames Gelände mühen. Einen Weg gibt es in diesem Tal nicht und wir sehen nur den Pass, auf den wir zu steuern, in der Ferne liegen. Langsam kommen wir ihm näher, unsere Füße und Beine sind jedoch ausgelaugt. Wir müssen am steilen Hang laufen und vermeiden es, zu weit unten im Tal zu laufen. Im Tal wäre der Boden durch den ganzen Regen so verwässert, dass ein Voran kommen noch anstrengender ist. So begnügen wir uns damit, den buschig überwucherten Hang entlang zu kraxeln. Ich spüre, wie ich an meinen letzten Reserven von Kraft und Wille zehre.

Als wir endlich wieder auf einen Wanderweg stoßen und den Pass erreicht haben, klart das Wetter langsam auf. Der Regen hängt zwar immer noch im Tal hinter uns, aber er scheint dort zu bleiben. Nach einer kurzen Pause mit einer halben Rolle Chocolate Chip Cookies machen wir uns an den Abstieg nach Kinlochewe. Das Tal ist grün, ein dicker Fluss durchzieht es und an den Berghängen sieht man ab und an Wasserfälle in die Tiefe fallen.

Die Sonne zeigt sich auch nochmal und als wir im Hotel ankommen sind wir froh, ein trockenes und warmes Dach über dem Kopf zu haben. Auch wenn das günstige Bunkhouse gerade renoviert wird und wir deshalb ein echtes Doppelzimmer nehmen.

Bei einem Pint Bier und warmem Essen lassen wir den anstrengenden Tag ausklingen. Ich sinke tief ins Kissen und schlafe sofort ein.

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Ein Kommentar

  1. Hallo Paul,

    Gratuliere! Mutig und frei – schön, dass du auch das mit uns teilst.

    Ich glaube, ich muss nicht betonen, dass es für uns keinen Unterschied macht, wen du liebst und wie du lebst.

    Und ich hoffe, das Unileben mit Kursen in Präsenz hält, was es verspricht.

    Liebe 🌈Grüße
    Petra

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