Karwendel Winter-Wunderland

Von langer Hand geplant war unser Urlaub in den Alpen. Aufgrund von Klausuren, einem Umzug und Geburtstagen schob sich unser Startdatum auf den 26. September. Das ist ziemlich spät für die Alpen, aber wir hatten nicht wirklich eine Wahl und dachten mit unserer PCT Erfahrung kommen wir mit ein bisschen Schnee schon zurecht.

Wir planten den Berliner Höhenweg, auch Zillertaler Runde genannt. Die Hütten in denen wir schlafen wollten hatten gerade noch auf oder ein Winterlager. Das Winterlager ist ein Raum, der über den Winter aufgesperrt bleibt und nur das nötigste hat. Meist ein paar Pritschen und einen Holzofen, damit man Skiwanderungen machen kann.
Zu unserem Glück sperrten zwei Hütten erst am Tag nachdem wir vorbei kommen wollten zu. Alles super, wir waren glücklich, nur ein bisschen besorgt. Eine Hüttenwirtin hatte uns am Telefon nämlich gesagt: „Kann sein, dass es bis Ende Oktober nicht schneit, kann auch sein, dass es am 1. September einen Meter Neuschnee gibt.“ Auf 3000 Metern Höhe kann man das nie wissen.

Eine Woche vor unserer Abfahrt hätten wir unser Hotel für die erste Nacht noch kostenlos stornieren können. Wir durchforsteten Wetterberichte und Webcams und waren beruhigt.

Das änderte sich ein paar Tage später. Es war Schnee angesagt. Eine Hüttenwirtin versicherte uns, dass Sie selbst nicht mehr los laufen würde – zu gefährlich.

Wir mussten also umplanen. Paul suchte den Adlerweg heraus, den wir von Stans aus gehen wollten. Das Wegstück lief durchs Karwendel und war wesentlich ungefährlicher als der Höhenweg. Wir reservierten die erste Hütte und waren zuversichtlich. Die Wettervorhersage sagte 9 cm Schnee für den 25. und 20 cm Schnee für den 26. September voraus. Also gut machbar, da der Adlerweg nicht ausgesetzt ist und sich meist an grünen Bergflanken entlang schlängelt.

Am 25. September sind wir nach einer lange Zugfahrt schließlich gut im Hotel in Mayrhofen angekommen. Die letzte Stunde in der sogenannten Zillertalbahn war bedenklich was den Infektionsschutz anging. Es war voll und nicht jeder hat eine Maske getragen.

Als wir abends im Hotel saßen kam dann die Meldung: Tirol ist vom Auswertigen Amt zum Risikogebiet erklärt worden. Na super. Naja, kann man nicht ändern, wir ziehen unser Ding durch.
Jetzt waren wir ja sowieso schon in Tirol und ’ne einsame Berghütte ist wohl kaum ein Corona Hotspot.

Morgens haben wir in alter Thuhiker Manier das Frühstücksbuffet leer gegessen und sind dann mit dem Bus (besser als Zillertalbahn) zurück nach Schwaz gefahren und losgewandert. Wenn die Wolken mal nicht so tief im Tal gehangen haben, konnte man weiter oben am Hang schon weiß gepuderte Bäume sehen.

Es hat in strömen geregnet, doch wir waren glücklich. Regenhose, Jacke und Handschuhe haben ihr Ding gemacht und wir waren sehr froh, dass wir die Bergschuhe mitgenommen haben und nicht nur Trailrunner.

Der Weg lief ein kleines Seitental hoch, mal geschottert, mal eine Schlammschlacht. Es ging an kleinen Skipisten/Weiden vorbei und durch Laubwald. Das Tal wurde immer enger und bald fühlte man sich wirklich wie in den Bergen. Die Sicht war ein bisschen Mau weil wir in den Wolken gewandert sind bzw. diese sehr tief hingen. Nach einiger Zeit haben wir merkwürdige Geräusche gehört. Wir dachten zuerst es sei der Wind, der an Stromleitungen jault. Dann tippten wir auf entfernte Kühe.

Etwas später verwandelte sich der Regen in Schnee und wir liefen durch ein unwirkliches Winterwunderland. Zwei absteigende Wanderer, die ganz interessiert eine Talwand beobachteten, zeigten uns den Ursprung der zuvor vernommen Geräusche. Dort lief ein Hirsch mit riesigem Geweih entlang. Damit hatten sich auch unsere röhrenden Kühe erledigt. Das war sehr beeindruckend. Wir hatten noch nie einen Hirsch in freier Wildbahn gesehen. Leider war er zu weit weg für ein Foto. Laut der beiden Wanderer war sein Rudel gerade zwischen den dichten Bäumen verschwunden und ein weiteres Rudel weiter unten im Tal unterwegs. Anhand der Brunft-Schreie, die das gesamte Tal in einen ziemlich konstanten Klangteppich untermalten war klar, dass es einige Hirsche sein mussten.

Weiter ging es durch den Schnee und es wurde langsam klar, dass die 30 cm Schnee Vorhersage vielleicht etwas niedriger war als die Realität. Wanderer die uns entgegen kamen berichteten von 60 cm an der Hütte. Wir hatten großes Glück: alle 16 Wanderer auf der Hütte waren abgestiegen und hatten uns so eine Spur durch den hohen Schnee gelegt. Ohne die Spur hätten wir auf jeden Fall umdrehen müssen. Einer der Wanderer kam uns mit einem Mountainbike über der Schulter entgegen. – Er hatte sich die Talabfahrt sicher anders vorgestellt.
Tim hat sich bei unserer Mittagspause erfolgreich von eine schneebedeckten Baum berieseln lassen.

Um 15:00 Uhr erreichten wir die Hütte. Für die letzten 500 m brauchten wir bestimmt 20 Minuten. Es war besonders hart, weil der Wind die Spur verweht hatte. Wir sanken bis zur Hüfte ein, konnten aber zum Glück die Hütte sehen.

Dort angekommen stellte sich heraus, dass wir die einzigen Gäste für die Nacht waren. Wir breiteten uns also im Matrazenlager aus und nahmen eine warme Dusche. Der Hüttenwirt war im Tal und sollte am Folgetag zurück kommen. Wir hatten einen sehr schönen Abend mit den beiden Bedienungen, die seit acht Jahren die Hütte bewirtschafteten und erzählten, dass dies ihre letzte Saison sei.
Diese Saison schloss ihre Zeit auf der Hütte lustiger weise gut ab. Denn vor acht Jahren war das letzte Mal so früh und unvermittelt so viel Schnee im Karwendel.
Zum Abendbrot gab es Spaghetti Bolognese und wir fielen gegen 8 Uhr ins Bett.

Am nächsten Morgen hat die ganze Hütte ausgeschlafen, denn wir waren ja eingeschneit und nichts hatte Eile. Der Himmel war aufgeklart und so konnten wir einen Zeitrafferfilm machen wie die Sonne in den Bergen aufging.
Wir sahen zum ersten Mal das Bergpanorama, in das wir gestern aufgestiegen waren, und es war atemberaubend schön.

Nach einem Birchermüsli und einem Kakao schnappten wir uns die Schneeschaufel und buddelten einmal um die Hütte und zur Fahne. Es hatte die ganze Nacht geschneit und so lag nun an manchen Stellen eine ganze Menge Schnee. Die Berge waren wunderschön und wir genossen das Privileg diese Natur für uns zu haben. Wir entdeckten ein Murmeltier, das ganz entgeistert pfiff, und ein Wiesel oder Frettchen, das elegant auf der Schneedecke herumhüpfte. Ab und an lösten sich in der Felswand kleine Geröll- bzw. Eis-/Schneeabgänge was tolle Geräusche machte. Wir bauten einen Schneemann und setzten uns dann zu den Einheimischen, die an diesem schönen Sonntag auf die Hütte gekommen waren und alle mit Vornamen angesprochen wurden in die Stube. Wir haben kein Wort verstanden ^^ Deshalb haben wir viel gelesen und ab und an rausgeguckt um die Szenerie auf uns wirken zu lassen.

Beim Abstieg am nächsten Tag konnten wir zumindest zeitweise Blicke auf das steile und sehr schöne Tal erhaschen. Die Wolken, in denen wir liefen sorgten im Wald für eine geheimnisvolle und verwunschene Stimmung. Natürlich hat es im Tal wieder geregnet, wie hätte es auch anders sein können.
Entlang der Talabfahrt ging es zurück nach Stans und für uns beide nach Hause. In München trennten sich unsere Wege wieder und der Weg in die häusliche Quarantäne wurde angetreten.

Ich bin sehr froh, dass wir uns trotz der widrigen Bedingungen dafür entschieden haben, es einfach zu probieren und zu schauen wie weit wir kommen. Trotz der leider kurzen Wanderung haben wir spektakuläre Natur erleben können und mir wurde einmal mehr klar, wie viel entspannter es ist, sich nicht an irgendwelchen selbst gesteckten Zielen fest zu klammern sondern gerade im Urlaub, wo man sich ja erholen möchte, einfach zu schauen was kommt. So konnten wir den Tag im verschneiten Bergpanorama sehr genießen!

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